Aug

26

Wohnungssuche

Das Datum meiner Rückkehr rückt immer näher und so habe ich ein wichtiges Anliegen: Ich suche eine Bleibe für das kommende Jahr.

Wie sicher einige von euch wissen, habe ich von 2006 bis 2008 in einem Appartement in der Alfons-Auer-Straße in Regensburg gewohnt. Dort war es zwar sehr schön zu wohnen, jedoch fühlte ich mich ein wenig einsam, da es weder eine Gemeinschaftsküche noch einen Gemeinschaftsraum gab. Ich kannte also so gut wie keine Nachbarn dort und die ganze Wohngemeinschaft war eher ein aneinander vorbei wohnen.

Für Oktober 2009 bis zum Ende meines Bachelors (vorraussichtlich August 2010) suche ich also ein Zimmer in Regensburg. Diesmal vorzugsweise in einer WG, da ich einfach Leute um mich herum brauche.

Ich denke, dass die Leute, die meinen Blog lesen, genug über mich wissen, um sagen zu können, ob sie mit mir zusammen wohnen wollen oder nicht. Das ist auch ganz gut so, da ich vor Ende September nicht so die Chance habe, zukünftige Mitbewohner zu treffen. 4 Wände plus Fußboden und Decke ist alles, was ich zum Überleben brauche. Um es zu einem perfekten Zimmer zu machen, wäre Internet noch nicht schlecht.

Wer also in einer WG wohnt, wo in naher Zukunft ein Zimmer frei wird oder wer ein paar Freunde kennt, die mich aushalten würden, der möge sich doch bitte mal bei mir melden. Einfach unter dem Beitrag einen Kommentar dalassen oder eine eMail schreiben an wehgeh@shourai-blog.de_ohne.das.hi.er (bitte das “_ohne.das.hi.er” löschen, da es nur zum Spamschutz dient). Ich würde auch mit ein paar Leuten eine neue WG eröffnen.

Auf gute Nachbarschaft!

リヒャルド

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Aug

24

Schweinepest

Wie ja sicher einige von euch schon gehört haben, geht zur Zeit die Schweinegrippe um die Welt. Die ganze Welt panikt und ich bin sicher, dass auch die BILD Zeitung in Deutschland ausgiebig darüber berichtet. Das ist jedoch nichts gegen die Reaktion hier in Japan.

Seit Mittwoch klage ich über Halsschmerzen, Husten, Fieber, Gliederschmerzen und Durchfall. Aus diesem Grund bin ich Donnerstag früh zum Medical Center der Uni gegangen. Sehr praktisch ist, dass das Gebäude ganz oben auf dem Berg liegt und man erstmal eine endlos lange und steile Treppe erklimmen muss, was bei Fieber und Gliederschmerzen besonders angenehm ist. Dort angekommen betrat ich die Einrichtung und erklärte am Empfangsschalter, dass ich glaube, ich habe seit gestern eine Grippe. Erste Reaktion: MASKE, MASKE, wo ist deine MASKE??? Hier in Japan tragen sehr viele Menschen eine art Schutzmaske, die es günstig überall zu kaufen gibt, um nicht nur sich selbst zu schützen, sondern vielmehr andere Leute davor zu bewahren, von einem selbst angesteckt zu werden. Ich bekam also umgehend eine von diesen hübschen Masken aufgesetzt und auch die Krankenschwester kleidete sich sofort damit ein. Im Anschluss nahm sie einen Stuhl und verfrachtete mich nach draußen, wo ich bloß keinen anstecken kann. Dass es ziemlich prekär ist, mit einer Maske draußen zu sitzen und von allen Leuten angeschaut zu werden, als würde man den Tod bringen, vergaß sie dabei völlig. Als blonder Junge mit großer Nase und blauen Augen werde ich sowieso ständig schief angeschaut. Kinder haben Angst vor mir und im Bus will keiner neben mir sitzen. Ja, Japaner sind so. Wie dem auch sei, sie wollte nicht mit der Blamage aufhören. Nachdem sie meine 38°C Fieber als unglaublich hoch eingestuft hatte, fing sie an zu lachen. Keine Ahnung, was daran witzig sein soll. Übrigens, als kleine Randbemerkung: Europäer haben eine Körpertemperatur von rund 37°C wo hingegen Japaner und einige andere asiatische Völker eine Temperatur von an die 36°C haben. Deshalb erschien der Dame mein Fieber wohl sehr hoch. Doch auch als für Austauschstudenten ausgebildete Krankenschwester mit null Englischkenntnissen wusste sie das nicht und fand es deshalb wohl sehr amüsant. Sie wollte auch nicht aufhören zu kichern, als ich ihr von meinem Husten berichtete und dass ich letzte Woche in Okinawa war. Letztenendes schickte sie mich dann in eine andere Klinik, weil sie nichts für mich tun konnte. Völlige Zeitverschwendung also zu dieser Einrichtung zu gehen. Die paar mal, die ich dort war, konnte mir nie geholfen werden und ihr Lachen über die Tatsache, dass ich kein Auto besitze sondern mit dem Bus zur nächsten Klinik fahren muss, führte mich zu der Entscheidung, diesen Damen nie wieder einen Besuch zu erstatten und auch meine Nachfolger davor zu warnen, ihre Zeit nicht dort zu verschwenden. Als dann nach einer Weile auch endlich mal ein Arzt dort auftauchte, wurde ich dem nicht mal vorgestellt, sondern bekam lediglich von der Krankenschwester einen Brief vom Arzt in die Hand gedrückt, in dem der folgenden Klinik angeblich alles beschrieben wird.

Auf dem Weg zum Bus hat mich die nette Dame vom Empfang des Wohnheims gleich angesprochen, wie es mir geht und ob ich irgendetwas brauche. Anscheinend wurde sie umgehend vom Medical Center informiert. Eine reizende Dame, muss man sagen. Stets hilfsbereit und freundlich. Ganz nach japanischer Manier gab sie auch Yui eine Maske - in Rosa.

An der Suzumidai Klinik angekommen, sollte ich mit meinem Handy am Empfang anrufen, damit ich die Klinik nicht betrete. Yui ist für mich rein gegangen und hat bescheid gesagt. Die Krankenschwester brachte mich durch einen Seiteneingang direkt ins Behandlungszimmer und Fragte mich die selben Fragen, die angeblich im Brief des Arztes vom Medical Center beantwortet seien nochmal. Ich erklärte ihr auch, dass ich Durchfall habe. Das japanische Wort dafür ist 下痢, doch irgendwie wollte sie nicht so ganz verstehen und hat aufgeschrieben, dass ich Bauchweh habe. Habe es dann versucht, zu umschreiben: Auf der Toilette, hinten raus, ein bisschen wie Wasser. Sie notierte, dass ich Schmerzen beim Wasser lassen habe. NEIN! Nach ewigem Erklären verstand sie dann endlich und machte eine hockende Pose, flatsch-flatsch Geräusche und lustige Handbewegungen an ihrem Hinterteil. Jawoll! Du hast es erfasst! Gratuliere!

Nun hieß es warten, warten und noch mehr warten. Die Krankenschwestern waren aber sehr nett und irgendwie wie Kindergärtnerinnen. Ich bekam zwei Decken und sollte mich auf einer Pritsche ausruhen. Ich habe das Gefühl, ein Arzt in diesem Krankenhaus hat mindestens 20 Krankenschwestern um sich herum. Ständig dachte ich: “Das hab ich dir doch schonmal erklärt!” Dabei war es eine andere Schwester. Oder ich grüßte eine und sie schaute mich verdutzt an, weil ich ihr schon Hallo gesagt hatte. Verwirrenderweise trugen auch alle diese komischen Masken, sodass es schwer war, sie zu unterscheiden. Als dann endlich der Arzt kam, hat er ein bisschen mit mir geplaudert und mir dann zwei mal ein riiiiiiiesiges Wattestäbchen durch die Nase bis fast ins Gehirn geschoben, um einen Abstrich zu machen. Sehr unangenehm fühlt sich das an. Aber der Arzt war sehr nett und so war’s ruck zuck vorbei. Nach ein paar Minuten warten auf’s Ergebnis, kam er dann mit einer kleinen Plastikkarte, auf der zwei Teststreifen angebracht waren. Er erklärte mir dann, dass meine Grippe in der selben Gruppe mit der Schweinegrippe ist und da ich kürzlich in Okinawa war und dort ca. 35% der Bevölkerung infiziert sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die die Schweinegrippe habe. Nach einer weiteren halben Stunde warten, wobei ich kurz eingeschlafen bin, kam ein zweiter Arzt und brachte mir meine Medikamente. Dann wurde Yui, die in der Zwischenzeit von anderen Schwestern zugequatscht wurde, dass sie sich ja von mir fern halten soll und noch eine zweite Maske von ihnen bekommen hat, von einer Krankenschwester zu mir gebracht. Nach einer kurzen Moralpredigt über Heim fahren im Bus, durften wir dann endlich gehen.

Maskenkunst

Maskenkunst

Ich soll nun eine Woche in meinem Zimmer bleiben und die Medikamente schlucken. Das ekelhafte Pulver gegen Fieber habe ich sofort aufgehört zu nehmen, weil es dermaßen widerlich ist und mein Fieber nicht hoch war und jetzt eh verflogen ist. Noch am selben Tag rief mich das Zentrum für ausländische Studierende der Uni Kanazawa an, ob ich denn irgendetwas bräuchte und ob sie Essen für mich einkaufen gehen sollten. Die Uni kümmert sich wirklich sehr nett hier. Ansonsten habe ich glaube ich noch nie in meinem Leben so viele Filme angeschaut wie in dieser Woche. Quarantäne ist öde. Sogar Yui ist zu Freunden geflüchtet, weil sie bald Einstellungstest für den Master an der Uni hat und sich nicht vorher anstecken will. In ihrer Wohnung ist es dunkel, weil sie die Stromrechnung nicht bezahlt hat. In aller Langeweile ist jedoch meine künstlerische und revoluzionäre Ader wieder durch gekommen. Ich habe meine Maske etwas bemalt, um den Leuten im Bus noch deutlicher zu machen, dass ich gefährlich bin und damit all den Masken Mitläufern zu zeigen, wie man sich als Aussätziger mit blonden Haaren und einem Fieberthermometer unter der Achsel vor einem Medical Center fühlt. Mein Appell: Weniger Panik und Rassismus, mehr Mut zur Maskenlosigkeit und Individualität!

リヒャルド

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Jul

24

Sonnenfinsternis

Am 22. Juli 2009 gab es in Asien eine Sonnenfinsternis zu sehen. Die Finsternis zog von Indien aus über China und Japan und endete im Pazifischen Ozean, wo sie ihr Maximum mit einer Breite der Totalitätszone von 259km erreichte. Mit einer dauer von bis zu 6:39min war dies die längste Sonnenfinsternis des 21. Jahrhunderts, die erst 2150 von einer noch längeren Finsternis übertroffen wird.

Sonnenfinsternis

Sonnenfinsternis

Wenn man bedenkt, dass es nur alle 18 Monate eine Sonnenfinsternis auf der Welt gibt und nur alle 375 Jahre am selben Ort, dann kann ich mich sehr glücklich schätzen, dass dies schon meine 2. Sonnenfinsternis war, die ich bewundern durfte. Vor langer langer Zeit, als ich glaube ich noch in der Grundschule war, gab es in Deutschland mal eine Sonnenfinsternis, welche ich von Familie Scharfs Garten aus beobachten konnte. Ich erinnere mich noch, dass damals alle Fernsehzeitungen solche tollen Sonnenfinsternis Schutzbrillen ihren Magazinen beigelegt haben. Blinde Zuschauer sind eben auch nichts halbes und nichts ganzes.

Die finsternis am 22. Juli war hier in Kanazawa nur eine 70%ige Finsternis. Zudem war es hier sehr bewölkt, was jedoch von Vorteil war, da man so besser ab und zu mal richtung Sonne schauen konnte, ohne sich die Augen zu verbrennen und man dadurch einen echt coolen Fotoeffekt hatte. Ich vermute mal so gegen 11:40 bis 11:50 hatte die Finsternis hier in Kanazawa ihren Hochpunkt. Auf der sehr südlich gelegenen japanischen Insel Kita-Iwojima, der Vulkaninsel, wo damals die Amerikaner im 2. Weltkrieg eingefallen sind, konnte man die am längsten vom Land beobachtbare totale Finsternis sehen. Sie dauerte dort etwa 6:34min. Nachdem die Finsternis über Kanazawa hinweg gezogen war, habe ich mir die totale Finsternis auf genannter Insel im Fernsehen live angeschaut.

Ein wirklich beeindruckendes Ereignis! Schade, dass ihr es in Deutschland nicht sehen konntet. Ich kann euch aber mit ein paar von mir geschossenen Fotos trösten: Bitteschön!

Wer noch mehr Details über die Finsternis nachlesen möchte, der schaue bitte hier nach.

リヒャルド

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Jun

1

Anfang vom Ende

Heute habe ich bei der Lufthansa angerufen und meinen Rückflug gebucht. Am 24. September 2009 fliege ich um 10:20 Uhr (GMT+8) in Osaka los und betrete um 15:30 (GMT+1) wieder deutschen Boden in Frankfurt.

Irgendwie ist das ein komisches Gefühl. Einerseits freue ich mich auf zu Hause. Auf die Familie, die Freunde, deutsches Bier und Essen, die schöne Landschaft in der Heimat usw.. Andererseits bin ich auch traurig, dass ich Japan wieder verlassen muss. Ich muss schonwieder eine Freundin zurücklassen (ist ja nicht das erste mal), sehe wahrscheinlich viele neugewonnene Freunde nie wieder, weiß nicht, ob und wann ich dieses Land jemals wieder bereisen werde. Gerade jetzt, wo meine Sprachkenntnisse besser werden, sodass ich mich zurechtfinden und das Land eigenständig bereisen kann, heißt es schonwieder Abschied nehmen. Ich werde wieder von deutscher Lahmarschigkeit umgeben sein aber auch aus dem (ja)panischen Tohuwabohu entkommen. Kein köstliches und frisch gefischtes Sushi mehr, dafür aber eine ordentliche Schweinshaxe, die man sich als normal sterblicher Student auch leisten kann. Von pünktlichen Zügen wechsel ich wieder zu Zügen, in denen man als Europäer mit 1,82m etwas Beinfreiheit hat. Von wunderschönen aber überschüchternen Mädchen in Miniröcken zurück zu Arschgeweihen, die aber mit einem im Festzelt anstoßen können.

Ich könnte noch ewig Dinge aufzählen und vergleichen. Alles was ich aber sagen will ist, dass ich nicht so richtig weiß, ob ich mich auf den Rückflug freuen soll oder nicht. Es kommt, wie schon so oft, die Karte des Todes aus dem Tarot in mein Leben. Wenn unwissende Esoteriker diese Karte sehen, bricht erstmal Panik aus, dabei bedeutet sie nur, dass etwas altes zu Ende geht, daraus jedoch etwas neues und gutes entspringt. Ich werde nun einfach alles auf mich zukommen lassen und die letzten, fast 115 Tage, in Japan in vollen Zügen genießen.

リヒャルド

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Mai

23

Tojimbo Selbstmord Klippe

Tojimbo Klippe

Tojimbo Klippe

Neulich habe ich mit Yui, Alex, Rory und Jessy einen Tagesausflug zu den Tojimbo Klippen in der Nähe von Fukui gemacht. Wie man ja im letzten Abschnitt des Wikipedia Artikels lesen kann, ist Tojimbo leider auch bekannt für Selbstmord. Jährlich springen etwa 25 Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, von der Klippe. Traurigerweise wirft diese ganze Selbstmord Geschichte einen großen Schatten auf die an sich wunderschönen Klippen aber das hat uns nicht davon abgehalten sie dennoch zu besichtigen.

Wir sind also sehr früh mit dem Zug von Kanazawa aus gestartet und haben am Vormittag Fukui erreicht. Von dort fuhr ein Shuttlebus zu den Klippen. Das Busticket was gleich für Hin- und Rückfahrt, damit keiner auf dumme Gedanken kommt.

Tojimbo Klippe vom Schiff aus gesehen

Tojimbo Klippe vom Schiff aus gesehen

Da zur Zeit unserer Reise gerade Golden Week war, waren die Klippen mit Touristen völlig überfüllt. Nach kurzem Bestaunen der Klippen von oben, beschlossen wir, eine kurze Tour mit einem Boot zu unternehmen, um die Klippen auch von unten aus bewundern zu können. Für umgerechnet etwa 9€ kauften wir also ein Ticket für eine ca. 30 minütige Bootsfahrt. Wie die Japaner so sind, gab es natürlich unendlich Regelungen, wann auf welcher Seite des Boots welches Fenster geöffnet werden darf und wer dann an der Reihe ist mit Fotos schießen. Zum Glück durfte Alex sein Curry Naan Brot trotzdem genießen. Das Boot brachte uns bis zur nahegelegenen Insel Oshima und zurück.

Telefonzelle mit Kleingeldbox

Telefonzelle mit Kleingeldbox

Nach der Bootfahrt begaben wir uns auf die Suche nach der berühmtesten Telefonzelle in ganz Fukui. Direkt bei den Tojimbo Klippen steht nämlich eine Einsame Telefonzelle, welche von angehenden Selbstmördern für den “letzten Anruf” verwendet wird. Das traurige ist, dass die “Last-Call-Phone-Booth” auch wirklich schon als solche anerkannt wird. In der Telefonzelle befindet sich eine Holzbox mit einem Schlitz, in den Leute kleingeld werfen können. Am unteren Ende der Box ist eine Schublade, auf der geschrieben steht, dass Selbstmörder, die kein Kleingeld dabei haben, sich Münzen aus der Schublade nehmen sollen für ihren letzten Anruf. Der ganze Platz um die Telefonzelle hatte etwas unheimliches an sich. Im Hintergrund der Telefonzelle die Silhouette Oshimas, der Insel mit dem buddhistischen Schrein, an dem die Selbstmörder ihr letztes Gebet sprechen und neben der Telefonzelle ein paar überdachte Bänke samt Aschenbecher, der wahrscheinlich des öfteren für die letzte Zigarette missbraucht wird. Und als ob das nicht schon unheimlich genug wäre, ist unserem Freund Rory aus Irland etwas kurioses passiert. Wir sollten ein Foto von ihm schießen, wie er in der Telefonzelle steht und den Hörer in der Hand hat. Doch genau in dem Moment, als er den Hörer ans Ohr hielt, begann sein MP3 Player in der Tasche an laut Musik zu spielen. Rory hörte also nur ein lautes Rauschen in seiner Tasche und sprang sofort erschrocken aus der Telefonzelle heraus. Komischerweise ließ sich der MP3 Player auch nicht mehr ausschalten. Als ich ihn fragte, welches Lied denn gerade gespielt wird, horchte er kurz und sagte mit bleichem Gesicht, dass das Lied von einer Japanischen Band gesungen wird und den Titel “World’s end anthology” hat.

Alex, ich, Yui (hinten) - Rory & Jessy (vorne)

Alex, ich, Yui (hinten) - Rory & Jessy (vorne)

Als der Schock vorbei war, wanderten wir zu Fuß entlang des Ufers richtung besagter Insel Oshima. Nach einer leckeren Portion Yakisoba überquerten wir also die berühmte rote Brücke, um nach Oshima zu gelangen. Am “Eingang” der Insel saßen buddhistische Mönche und klatschen in die Hände für jeden, der passierte. Wir schauten uns kurz den berühmten Schrein an und liefen dann einmal komplett um die Insel. Der Geruch des Küstenwindes und das, die Engen Wege umzingelnde, Schilf erinnerte mich stark an Ahrenshoop, wo meine Oma einst ein Ferienhaus hatte.

Da die Busse in dem kleinen Örtchen nicht so regelmäßig fahren, mussten wir vor der Rückreise eine ganze Weile in einer der bedrückendsten Bushaltestellen, die ich je gesehen habe, warten. Diese war als Bushaltestelle für Schulbusse gekennzeichnet und ließ mich deshalb vermuten, dass in diesem Ort schon die Schulkinder Selbstmord begehen wollen.

Für diejenigen, die es wirklich interessiert: Mehr Fotos vom Ausflug gibt es hier zu sehen.

リヒャルド

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Mai

23

#1 Die Japaner und der Service

Hallo liebe Leser!

Ich möchte heute mal eine kleine Serie starten. Normalerweise schreibe ich ja immer, was ich im fernen Japan so erlebe und wohin ich reise. Doch heute möchte ich mal über die Japaner an sich schreiben, damit ihr auch mal versteht, mit wem ich es hier so zu tun habe und was in den köpfen anderer Kulturen so vor sich gehen kann. Viel Spaß also mit dem Piloten dieses Projektes: “Die Japaner und der Service”!

Auch wenn es die Chinesen nicht wahr haben wollen, ihre gesamte Wirtschaft basiert auf Export. China produziert billig mit unzähligen Arbeitern und exportiert die Waren dann zu Dumpingpreisen. Als die Wirtschaftskrise kam, wurde China jedoch das Genick gebrochen. Na gut, Island gings schlechter. Sagen wir, es wurde angeknackst mit Paraplegie als Folge. In wenigen Wochen schließen allein in einem Bezirk mehr als 10.000 Fabriken. Totales Jobchaos. Wer darüber mehr erfahren will, kann alles hier nachlesen (und sollte sich auch den Videobeitrag dazu anschauen!). Verglichen mit China ist Japan hier besser bei weggekommen. Die einzigen, die in Japan unter der Wirtschaftskrise leiden, sind die Ausländer (wie ich). Aber die sind den Japanern sowieso relativ egal. Mehr zum Ausländer Thema aber in einer anderen Episode von “Die Japaner und …”. Wo der Euro zum Yen im Sommer letzten Jahres noch bei 1:170 stand, sank er dieses Jahr teilweise bis auf 1:113 runter. So kostet mein Nintendo DS also schnell mal 150 anstatt 100€. Aber genug über das Leiden anderer Nationalitäten als den Japanern gefaselt, kommen wir zum Thema.

Japan ist eine serviceorientierte Nation. Die Souveniers, die hier überall und zu jedem Anlass verkauft werden, kann man nicht gerade als Qualitätsprodukt bezeichnen. Geht man jedoch in einen Laden zum Einkaufen, so wird man beim Betreten des Ladens in sauberer und gebügelter Uniform mit einer Verbeugung begrüßt und im Laden willkommen geheißen. Fragt man einen Verkäufer nach einem Produkt, so heißt es nicht: “Des homma nit! Do gehst zum Meier ums Eck, der hat son Krampf scho eher!”, sondern der Mitarbeiter rennt sofort im Laufschritt zum Regal und bringt einem die Ware persönlich. Gibt es etwas nicht, so wird sich demütigst entschuldigt. Kommt ein Mitarbeiter gerade aus dem Lager, um neue Waren in die Regale zu sortieren, so muss er auf zwei aufgeklebten Fußtapsen am Boden halt machen, sich verbeugen und entschuldigen, dass er uns jetzt gerade beim Einkaufen mit seinem Antlitz belästigen muss. Der eigentliche Spaß geht aber erst an der Kasse los. Ein euphorischer Verkäufer ruft einem laut zu, wie froh er ist, dass man gerade bei ihm im Laden einkauft. Danach packt er einem sorgfältig die gekauften Artikel in die Einkaufstüte. Nein, ich meine nicht, er packt sie einfach nur rein. Zuerst werden sachen, die eventuell bei einem Atomkrieg anfangen könnten zu tropfen, in eigene Plastiktütchen verpackt. Den Atomkriegfaktor habe ich hier hinzugefügt, weil in Japan jedes Produkt doppelt und dreifach verpackt ist. Aber dazu ebenfalls mehr in einer weiteren Folge von “Die Japaner und …”. Hat man etwas tiefgefrorenes im Korb, so bekommt man eine kleine Münze, mit der man zur Trockeneismaschine gehen kann und eine extra Plastiktüte damit befüllen kann, um sein Eis gefroren zu halten. Sollte es mal einen Japaner geben, der keine Stäbchen daheim hat, ist das auch kein Problem. Zu jeder Mahlzeit, für die man eventuell Stäbchen gebrauchen könnte, bekommt man welche angeboten. Umsonst natürlich. Hat man nun alle kostenlosen Zusatzartikel erhalten, fängt der Verkäufer an, einem die gekauften Waren in die Tüte zu sortieren. Tetris wurde zwar von einem Russen erfunden aber irgendwie haben es die Japaner mehr verinnerlicht. Schwere und große Artikel werden zuerst in die Tüte sortiert, kleine und zum Zerquetschen neigende Artikel oben drauf. Flaschen werden selbstverständlich gepolstert. Sollte dem Verkäufer etwas entgangen sein, was nach unten gehört oder sollte er einfach mit seinem Werk nicht zufrieden sein, so ist er bereit, alles noch einmal heraus zu nehmen und neu anzuordnen. Zum Schluss werden die Henkel der Tüte zusammengerollt und die unterseite des Henkels verklebt, sodass die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass wenn der Bus verspätung hat und man erst nachts heim kommt, wo sich ja die Erde schon so weit gedreht hat, dass sie jetzt auf dem Kopf steht, etwas herausfallen könnte. Das Rückgeld bekommt man vor seinen Augen nochmal vorgezählt, damit auch alles seine Richtigkeit hat. Auch hier wird eine Reihenfolge beachtet. Zuerst gibt es die Scheine. Vorgezählt mit dem kleinsten oben, dann jedoch mit dem größten oben ausgehändigt. Die Münzen werden zusammen mit der Quittung nach den Scheinen übergeben. Zum Abschied noch ein Knicks und ein riesiges Dankeschön in voller Lautstärke von der gesamten Ladenbesetzung und man ist ein glücklicher Kunde. Liebe Frau mit der roten Dauerwelle aus dem Kaufland der Regensburger Arcaden: falls Sie das hier lesen… ich weiß, Sie freuen sich schon am Montag Morgen auf den Freitag Abend aber eine hauchdünne und fettarbe Scheibe von diesem Schinken könnten Sie sich trotzdem mal abschneiden.

Manchmal hat es den Anschein, dass es in diesem Land keine Arbeitslosen gibt. Als ich neulich zum Strand gefahren bin, wollte ich im nahegelegenen Supermarkt ein paar Flaschen Bier kaufen. Dazu musste ich eine Straße überqueren. Ich sollte wohl erwähnen, dass diese Straße im Sand endet und somit alle 2-3 Minuten mal ein Auto dort vorbei kommt. Am Zebrastreifen standen jedoch 2 Polizisten mit Leuchtstäben à la Star Wars und signalisierten mir, dass ich nun die Straße überqueren kann, da gerade kein Auto kommt.

Damit aber noch nicht genug. Im Kenrokuen steht ein Mann in Uniform vor einer Stufe, die auf eine kleine Brücke führt und leuchtet mit der Taschenlampe auf die Füße der Passanten und die Stufe, damit sie nicht stolpern. Wär das nicht ein toller 1-€-Job für Deutschland? Mit der Taschenlampe auf die Stufe vorm Kino leuchten. Der Strom für die Glühbirnen in den Stufen kostet ja heutzutage so viel. Wie die Japaner aber mit ihrer Energie umgehen, darüber möchte ich in einer anderen Folge von “Die Japaner und …” berichten.

Für heute erstmal genug. Ich hoffe, ihr hattet einen kleinen Einblick in mein vom Service verwöhntes Leben hier.

リヒャルド

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Mai

4

Tulpenfestival in Toyama & Tonami

Ja ja ja ja ja, sorry, Entschuldigung und ごめんなさい. Ich weiß, dass ich ewig nichts von mir hab hören lassen aber bevor ich euch hier jetzt 20 Entschuldigungen auftische schreib ich einfach einen Beitrag über das, was ich gestern erlebt habe und schiebe den vor den großen Eintrag über meine 5 Wöchige Reise durchs Land.

Unsere neue Wohnheimsadvisorin Yuki ist gestern mit Alex, meiner thailändischen Freundin Yui und mir nach Toyama, ihrer Heimatstadt, gefahren, um dort auf ihre Nichte Kokone aufzupassen. Zu unserem Glück fand am selben Tag ein wunderschönes Tulpenfestival statt.

Wir sind also mit Yukis Auto um 07:45 Uhr hier gestartet. Auf der linken Straßenseite übrigens. Nach ca. 40 Minuten Fahrt und einer kompletten Tankfüllung für umgerechnet ca. 8,-€ sind wir am Haus ihrer Eltern in der Nachbarpräfektur angekommen. Obwohl ich für alle ein paar leckere Toast Hawaii in meinem nagelneuen second hand Ofen (ich weiß, dass sich “nagelneu” und “second hand” widerspricht) gezaubert habe, hat Yukis Mutter trotzdem noch ein riesen Frühstück aufgefahren. Nach ca. 1,5 Stunden (die ich hauptsächlich im 4.000€ teuren Massagestuhl der Mutter verbracht habe), hat sich auch die kleine 3-jährige Kokone an die furchteinflößenden 外人 (Ausländer) gewöhnt und wir konnten im high-tech Auto der Mutter zum Festival starten. Warum high-tech? Habt ihr ein Auto in dem das halbe Armaturenbrett aus einem riesigen Touchscreen Navigationssystem besteht, mit dem man während der Fahrt auch fernsehen kann?

Am Tulpenfestival angekommen sind wir einfach nur durch die Gegend gelaufen und haben uns amüsiert. Die Fotos vom Festival gibt es hier zu sehen. Die kleine Kokone wollte Alex’ und meine Hand nicht mehr loslassen. Rutschen, Verstecken spielen oder sinnlose Süßigkeiten kaufen, nichts blieb uns erspart. Nach einem Softeis mit Tulpengeschmack, das die kleine ganz alleine aus mit ihrem ersparten Geld für uns gekauft hat, musste ich mich noch eine Runde mit ihr in ein viel zu kleines Hello Kitty GoCart quetschen, bis wir dann das Festival verlassen durften.

Im Anschluss führte uns Yuki in ein traditionelles japanisches Restaurant, das im ganzen Land bekannt ist für seinen grandiosen Curry Udon. Ein echter Gaumenschmaus. Leider hat die kleine Kokone zu ihrem Kindergericht noch eine tolle Tröte bekommen, aus der eine Papierschlange rauskommt, wenn man reinpustet. Was mit meinem Curry, meinem Bierglas und meinem Gesicht passiert ist, brauche ich euch ja nicht weiter erläutern…

Nach dem Mittagessen haben wir uns mit 2 Freunden von Yuki, einem Engländer und einer Japanerin, in einem nahegelegenen Park getroffen und uns auf der sonnigen Wiese etwas ausgeruht.

Auf dem Rückweg vom Park haben wir beim angeblich besten Sushi Restaurant Japans halt gemacht, um eine große Platte mit verschiedenen Sushi zu kaufen. Yui und ich haben im Auto auf Kokone aufgepasst, während Alex und Yuki das Sushi geordert haben. Nach kurzer Zeit ist die kleine aufgewacht und fing plötzlich das Schreien und Weinen an. Sie schlug nach Yui, rupfte an ihrer Hose und schrie etwas unverständliches wie “うんち” (zu deutsch: “Scheiße”). Im Endeffekt wollte sie aber nur mit Yuki Pipi machen gehen.

Zu Hause angekommen genossen wir das leckere Sushi und wurden gezwungen, mit Kokone eine Sing- und Tanzperformance auf’s Wohnzimmerparkett zu legen.

Als die kleine nun endlich bettgehbereit war, sind Alex, Yuki, Yui und ich nochmal losgezogen, um eine traditionelle japanische Zeremonie zu sehen, bei der riesige (ca. 5m hohe) rollende Türme aus Papier durch die Gassen fuhren. Dort haben wir 3 weitere Freunde von Yukis alter Schule getroffen, mit denen wir uns den Hauptteil der Zeremonie angeschaut haben. Einige Männer machten sich kampfbereit und kletterten auf die Türme. Anschließend fuhren jeweils 2 Türme in den engen Gassen nebeneinander und die Männer begannen den gegnerischen Turm mit Händen und Füßen zu demolieren. Das ganze sah dann aus wie auf folgendem Videozusammenschnitt, den ich gefilmt habe:

Die ganze Prügelei findet statt, um für die kommende Reisernte, die zur Zeit gesät wird, zu beten. In oben genanntem Fotoalbum kann man noch einige Fotos von diesem Event sehen.

Mit einem Kofferraum voller Geschenke der Mutter (立山酒 - Tateyama Sake, 1,8 Liter kosten ca. 40€ und drei Sixpacks Bier) haben wir gegen Mitternacht die Rückreise angetreten.

Ein wunderbarer Ausflug, bei dem man das Alltagsleben der Japaner und ein beeindruckendes Festival sehen konnte.

Ich hoffe, dass ich den großen Eintrag über meine 5-wöchige Reise durchs Land bald fertig kriege und dass ich euch etwas Trost mit diesem Eintrag verschaffen konnte.

リヒャルド

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Jan

4

Tokyo Preview

Hallo!

Leider kostet es mich Tage, meine Tokyo Notizen in einen Blog Beitrag zu fassen. Zudem steht morgen wieder ein Grammatik Test an und Mittwoch ein Kanji Test. Ich bin also zur Zeit nicht in der Lage, so viel am Blog zu arbeiten. Trotzdem will ich euch nicht auf die Folter spannen. Heute habe ich mal ein Stündchen meiner Zeit geopfert und die Fotos hochgeladen. Sie sind unterteilt in 5 Alben (5 Tage). Die jeweiligen Bildunterschriften sollten erklären, wo das Foto aufgenommen wurde und was darauf zu sehen ist. So habt ihr wenigstens schonmal einen kleinen Trost, während ihr auf den großen (und er ist wirklich verdammt groß) Beitrag wartet. Hier also die Alben:

Album 1

Album 2

Album 3

Album 4

Album 5

Viel Spaß damit und liebe Grüße!

リヒャルド

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Dez

22

忘年会³ [Kubik-Bounenkai]

Da es langsam aber sicher auf Weihnachten zu geht, standen letzte Woche drei japanische Weihnachtsfeiern (忘年会) an. Genaugenommen feiert man das Ende des Jahres aber es hat ungefähr den gleichen Stil wie Weihnachtsfeiern in Deutschland. Eine bestimmte Gruppe geht in ein Lokal, isst und betrinkt sich.

Freitag war die erste Feier. Organisiert von unserem Anthropologie Lehrer haben wir uns im 楽亭 getroffen, wo ゆい und みき arbeiten. Von 21:00 Uhr bis 00:00 Uhr hieß es “飲み放題” (”all-you-can-drink”) und auch am Essen wurde nicht gespart. Eines der besten Biere Japans wurde in Pitchern ausgeschänkt. Zusätzlich floss noch 梅酒 in rauhen Mengen. Zum Essen gab es sehr sehr leckeres Oden. Für jeden Gast gab es vorm Verlassen des Lokals noch ein Fläschchen Likör, für das man sich extra beim Chef bedanken sollte. Nachdem ich auf das Verfallsdatum geguckt hatte, wusste ich, warum er verschenkt wurde. 12.11.2008. Obwohl John -unser Lehrer- mit dem Chef des Ladens einen Spezialpreis ausgemacht hatte, sodass jeder von uns “nur” ¥2500 (ca. 20€) zahlen musste, durfte er am Ende nochmal ¥40000 (ca. 330€) drauflegen. Aber so laufen nunmal die Dinge in diesem Land. Traue niemals dem Preis, der dir angepriesen wird! Kurzzeitig habe ich mich mit Johns Immobilienmaklerin unterhalten. Warum die dabei war, weiß ich nicht so richtig aber als sie gehört hat, dass ich eventuell mal Robotik hier studieren möchte, wollte sie mir gleich ein Haus für 2010 verkaufen und hat mir sämtliche Visitenkarten und Flyer in die Hand gedrückt. Konnte mich dann aber zum Glück aufs Klo flüchten.

Nach dem offiziellen Teil im 楽亭 hat sich die Gruppe etwas aufgespalten. Einige sind zum Karaoke gegangen, ein paar in eine andere Bar und Dominic, Dan, Ryoji und ich sind zum “Marnier”, einer Disco in こうりんぼ (einem Stadtteil), aufgebrochen. Leider hätte der Club an dem Abend ¥4000 (ca. 33€) Eintritt gekostet und es durften nur Japaner rein. John und seine Gruppe, die in eine Bar wollte, hatte diese schon verlassen und so blieb uns nichts anderes übrig als zum Karaoke zu gehen. Dort hat man am Empfang schon gemerkt, dass man als Gaijin in Japan schnell auffällt. Da einige von unseren Freunden schon am Singen waren, wollten wir nach dem Raum fragen und uns anschließen. Ich versuchte also das ganze auf Japanisch zu formulieren. Ein Wort war ausreichend: 友達 (Freunde). Der Mitarbeiter würgte mich sofort ab und sagte: “Zimmernummer 106″. Wie? Das kanns doch jetzt nicht gewesen sein… Also nochmal: “私の友達は…” (Meine Freunde sind…) Zack! “Jaja! Zimmer 106!” Nun gut. Das ging ja einfach. Jetzt nur noch das Zimmer finden. Das ist in einem 3 stöckigen Karaoke Laden gar nicht so einfach. Man muss sich das vorstellen wie ein Hotel. Nur noch viel verwirrender. Treppe hoch, links, rechts, am spezial Königszimmer vorbei, um die ecke und dann vor der Toilette links abbiegen… oder so ähnlich. Sollte man mal auf die Toilette müssen, hat man verloren. Man findet nicht mehr zurück. Das ist aber auch der einzige Grund, das Zimmer zu verlassen, denn wenn man Getränke oder Speisen ordern will, hebt man einfach den Hörer an der Wand ab und bestellt, was auch immer die Karte an Köstlichkeiten hergibt. Für mich belief es sich aber nur noch auf ein Bier, da Alex sich eh schon aufgeregt hat, dass ich das schöne U2 Lied so in den Dreck gezogen habe. 5 Uhr morgens mussten wir uns an die Öffnungszeiten halten und unser Karaoke Zimmer verlassen, sodass ich gegen 6 endlich im Bett lag.

忘年会 No. 2 fand am Dienstag statt. Organisiert wurde er diesmal von den Studentinnen und Studenten, die an der Kanazawa University Deutsch studieren. Am Nachmittag kam die Diskussion auf, ob wir überhaupt hingehen sollten, weil der ganze Spaß ¥3800 (ca. 30€) kosten sollte. Für nur zwei Stunden all-you-can-drink. Im Endeffekt haben wir aber nicht bereut, dass wir uns angeschlossen haben. Ein großer und bunt gemischter Haufen aus japanischen Studenten, Lehrern und drei Gaijin hat schon viele interessante Gesichter auf Lager. Unseren Freund Kengo z.B., der schon für ein Jahr in Regensburg studiert hat und ein fast makelloseres Deutsch als sein Lehrer spricht. Seine Abschlussarbeit schreibt er momentan über den Unterschied zwischen dem deutschen und dem japanischen Akkusativ und Dativ. Oder so ähnlich… Dass er schon eine Weile in Deutschland war, konnte man auch daran sehen, dass er raucht und ganz gut was trinken kann. Es dauerte nämlich nicht lange, da hatten die ersten Japaner einen knallroten Kopf oder sind eingeschlafen. Eine nennenswerte Ausnahme gab es noch. Einen Lehrer, der sagte, er habe Gicht und könne deshalb nicht so viel Bier trinken. Er trank auch nur ein Bier. Dafür aber unzählige Gläschen an Sake und er orderte einen Wein nach dem anderen.

Nun aber mal zum Essen und Ambiente. Das Restaurant war sehr gemütlich, in dunklem Holz gehalten und schön dekoriert. Obwohl wir ja nur all-you-can-drink hatten, tischten die Kellner ein Gericht nach dem anderen auf. Der Tisch war so voll, dass wir ständig umräumen mussten, damit der nächste Teller draufpasst. Es gab leckere Vorspeisen, Pasta, Quiche, Reis, die leckersten Muscheln, die ich je gegessen habe und zum Nachtisch Eis und Kuchen.

Wenn man sich mit Japanern unterhält, dann merkt man oft, wie sie Floskeln und Füllwörter in deutsche Sätze portieren. Auf Japanisch sagt man sehr oft: “はい、そうです。”, “そうですか。” oder “そうですね。” Deshalb benutzen Japaner, wenn sie Deutsch reden recht häuftig Worte wie: “Ach so!” oder “Ja, das stimmt!” Man zeigt hier beim Reden immer das Interesse dem anderen gegenüber. Man sagt nicht nur “Hm…” sondern man tut wenigstens so, als wäre man interessiert. Unter den ganzen Deutsch Studenten ist das natürlich besonders aufgefallen.

Als der offizielle Teil beendet war, haben sich auch hier wieder die Gruppen gespalten. Nach langem hin und her bin ich mit Dominic, Wolfgang, Saori, Kaori und einem Lehrer in eine Bar gegangen. Bier gab es hier in 0,66l Flaschen und leckeren Umeshu on the rocks. Zusätzlich bestellte der Lehrer noch diverse Gerichte aus verschiedensten Ländern, wovon jeder probieren konnte. Besonders lecker war ein koreanisches Gericht. Roher Fisch mit ei drüber und ein paar kräutern. Der Fisch, den man hier in Japan bekommt, ist einfach nicht vergleichbar mit dem deutschen. Ein Inselstaat versteht halt was vom Fischfang.

Nach dieser Bar Sind Dominic, Wolfgang, die zwei Mädels und ich zum Karaoke gegangen, wo wir auf mehr Japaner, Kengo und einen anderen Lehrer gestoßen sind.

Raus aus dem Karaoke sind fast alle Heim gefahren. Nur noch Wolfgang, Dominic und ich waren übrig. Unser Weg führte uns in den nächsten Convenient Store (von denen es hier an jeder Ecke einen gibt und alle 24 Stunden geöffnet sind), ein paar Bier und Whisky kaufen und vorm Mc Donalds trinken. Im Bett war ich gegen 4 Uhr morgens. Trotzdem hab ichs als einziger am nächsten Morgen an die Uni geschafft.

Buffet

Buffet

Mittwoch abend fand der dritte 忘年会 statt. Diesmal von der Uni organisiert. Alles also wesentlich offizieller, dafür aber kostenlos. Ein riesen Buffet wurde aufgefahren. Leider mussten wir erstmal die 3 Reden am Anfang überleben, die komplett auf Japanisch gehalten wurden. Dementsprechend konnte ich nur einzelne Fetzen verstehen und war relativ gelangweilt. Warum das auf einer Feier für internationale Studenten so sein muss, versteh ich nicht ganz aber naja… Nach den Reden wurden wir zum Glück mit einem der besten Biere Japans besänftigt. Da das Buffet sofort gestürmt wurde, dachte ich, es wäre klug, etwas zu warten. Schließlich war die Feier in einem Nobelhotel und die werden schon nachfüllen. Fehlanzeige. Als ich ans Buffet kam, war so gut wie alles abgeräumt. Wieder etwas, was Japan so an sich hat. Kommt alle rein, wir haben das beste Essen für läppische ¥3000. Dass es aber nur 2 Stunden was zu

Taiko

Taiko

Essen und trinken gibt, man für den Tisch alleine schon ¥500 zahlen muss, man für das Sonderangebot Rentner oder sonstwas sein muss und die meisten Gerichte nicht inbegriffen sind, wird einem gerne mal verschwiegen. Nun gut. Ein paar unserer Freunde haben eine Taiko Aufführung gehabt und wir haben einen vierten Deutschen getroffen. Sein Name ist Matthias und er studiert Kybernetik in Stuttgart. Nach einer recht kurzen Feier wurden wir relativ unsanft und ohne Vorwarnung mit den Worten: “帰りましょうか。” (dt. “Gehen wir heim?”) rausgeworfen. An der Garderobe wurde ich von einem Chinesen zugequatscht, der mit ununterbrochen erklärt hat, dass er Deutschland total toll findet und er der Meinung ist, dass Deutschland der mächtigste Staat in Europa ist und das Militär ganz toll ist. Er gab mir dann den super Tipp, wir Deutschen sollen uns doch bitte mit Frankreich zusammenschließen (die findet er nämlich auch ganz toll) und in der Welt mal für Ordnung sorgen. Er würde auch alles geben, um zum deutschen Militär zu gehen. Ich war echt erschrocken und frage mich, ob man in China diesen Dünnschiss in der Schule lernt…

Wie dem auch sei. Es ist 20:00 Uhr. Ans Heimgehen war da für mich noch nicht zu denken. Also kurbelten

Thailänder in der Bar

Thailänder in der Bar

wir malwieder etwas die japanische Wirtschaft an und gingen wieder in die gleiche Bar, in der wir am Vortagmit Kaori, Saori und dem Lehrer waren. Diesmal waren es aber ein ganzer Haufen Thailänder, zwei Japanerinnen und ich. Hier wurde mir wieder die Asiatische Gastfreundlichkeit gezeigt. Ich hörte nur von den Thailändern: “Du bist Deutscher, Deutsche trinken Bier!” Und so bestellten sie mir immer eins mit, obwohl ich schon vor geraumer Zeit gesagt hatte, dass ich nicht so viel Geld mithabe und genug getrunken habe. Doch egal. “Du bist mit uns unterwegs, also bist du unser Freund und da wird geteilt!” Und schon stand das nächste Glas vor mir. Auch das Essen, was sie bestellten, wurde rumgereicht und so habe ich zum ersten mal herausgefunden, dass frittierte Hähnchenfußknorpel gar nicht so übel schmecken. Im Gegenteil: sie sind köstlich!

月見

月見

Und wo wir gerade bei kuriosen Köstlichkeiten sind, sollte ich vielleicht noch das Running Sushi Restaurant erwähnen, in dem ich neulich war und wo ich zum ersten Mal rohe Eier gegessen hab. Serviert in Form von 月見. Das war so lecker, dass ich dem Sushimeister gesagt habe, er soll mir bitte noch eine Portion machen. (”すみません。月見一つお願いします。”) Das Sushi in einem solchen Restaurant ist sowieso nicht vergleichbar mit dem deutschen oder dem Supermarkt Sushi. Aus Deutschland ist man Maki Röllchen gewöhnt ohne große Zusätze. In Japan wird der Reisball angegrillt und der Fisch oben drauf mit einer art Glasur bestrichen, mit dem Gasbrenner flammbiert und mit Sesam, Schnittlauch, Mayonnaise oder anderen köstlichkeiten verfeinert. Der Geschmack ist einfach unvergleichlich und man ärgert sich schon fast über den vollen Magen, da man am liebsten den ganzen Abend weiteressen würde.

Die nächste ungewöhnliche Sache, die ich gegessen habe war gestern im 焼肉 Restaurant. Hier durfte man sich am tischeigenen Grill diverse Fleischsorten grillen. Eine davon war Darm. Ich dachte erst, es währe Hähnchenhaut aber Xue Ming hat mich aufgeklärt. Doch egal. Der Darm war, wenn man ihn entsprechend lange gegrillt hatte, sehr sehr lecker. Als die anderen hörten, was sie da essen, hat ihn auch keiner mehr angerührt und so blieb der Rest für mich.

Ja, das waren also die drei Feiern zum Ende des Jahres und eine kleine kulinarische Expedition. Morgen steht Tokyo vor der Tür. Also bis bald!

Drei Richards (Polen, Deutschland, Irland)

Drei Richards (Polen, Deutschland, Irland)

リヒャルド

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Dez

9

Blattgold

Heute sind wir mit dem “Experiences in Japanese Culture” Kurs zu einer Blattgold Manufaktur gefahen. Hier mal eine kleine Bilderserie von meinem Werk:

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