Da es langsam aber sicher auf Weihnachten zu geht, standen letzte Woche drei japanische Weihnachtsfeiern (忘年会) an. Genaugenommen feiert man das Ende des Jahres aber es hat ungefähr den gleichen Stil wie Weihnachtsfeiern in Deutschland. Eine bestimmte Gruppe geht in ein Lokal, isst und betrinkt sich.
Freitag war die erste Feier. Organisiert von unserem Anthropologie Lehrer haben wir uns im 楽亭 getroffen, wo ゆい und みき arbeiten. Von 21:00 Uhr bis 00:00 Uhr hieß es “飲み放題” (”all-you-can-drink”) und auch am Essen wurde nicht gespart. Eines der besten Biere Japans wurde in Pitchern ausgeschänkt. Zusätzlich floss noch 梅酒 in rauhen Mengen. Zum Essen gab es sehr sehr leckeres Oden. Für jeden Gast gab es vorm Verlassen des Lokals noch ein Fläschchen Likör, für das man sich extra beim Chef bedanken sollte. Nachdem ich auf das Verfallsdatum geguckt hatte, wusste ich, warum er verschenkt wurde. 12.11.2008. Obwohl John -unser Lehrer- mit dem Chef des Ladens einen Spezialpreis ausgemacht hatte, sodass jeder von uns “nur” ¥2500 (ca. 20€) zahlen musste, durfte er am Ende nochmal ¥40000 (ca. 330€) drauflegen. Aber so laufen nunmal die Dinge in diesem Land. Traue niemals dem Preis, der dir angepriesen wird! Kurzzeitig habe ich mich mit Johns Immobilienmaklerin unterhalten. Warum die dabei war, weiß ich nicht so richtig aber als sie gehört hat, dass ich eventuell mal Robotik hier studieren möchte, wollte sie mir gleich ein Haus für 2010 verkaufen und hat mir sämtliche Visitenkarten und Flyer in die Hand gedrückt. Konnte mich dann aber zum Glück aufs Klo flüchten.
Nach dem offiziellen Teil im 楽亭 hat sich die Gruppe etwas aufgespalten. Einige sind zum Karaoke gegangen, ein paar in eine andere Bar und Dominic, Dan, Ryoji und ich sind zum “Marnier”, einer Disco in こうりんぼ (einem Stadtteil), aufgebrochen. Leider hätte der Club an dem Abend ¥4000 (ca. 33€) Eintritt gekostet und es durften nur Japaner rein. John und seine Gruppe, die in eine Bar wollte, hatte diese schon verlassen und so blieb uns nichts anderes übrig als zum Karaoke zu gehen. Dort hat man am Empfang schon gemerkt, dass man als Gaijin in Japan schnell auffällt. Da einige von unseren Freunden schon am Singen waren, wollten wir nach dem Raum fragen und uns anschließen. Ich versuchte also das ganze auf Japanisch zu formulieren. Ein Wort war ausreichend: 友達 (Freunde). Der Mitarbeiter würgte mich sofort ab und sagte: “Zimmernummer 106″. Wie? Das kanns doch jetzt nicht gewesen sein… Also nochmal: “私の友達は…” (Meine Freunde sind…) Zack! “Jaja! Zimmer 106!” Nun gut. Das ging ja einfach. Jetzt nur noch das Zimmer finden. Das ist in einem 3 stöckigen Karaoke Laden gar nicht so einfach. Man muss sich das vorstellen wie ein Hotel. Nur noch viel verwirrender. Treppe hoch, links, rechts, am spezial Königszimmer vorbei, um die ecke und dann vor der Toilette links abbiegen… oder so ähnlich. Sollte man mal auf die Toilette müssen, hat man verloren. Man findet nicht mehr zurück. Das ist aber auch der einzige Grund, das Zimmer zu verlassen, denn wenn man Getränke oder Speisen ordern will, hebt man einfach den Hörer an der Wand ab und bestellt, was auch immer die Karte an Köstlichkeiten hergibt. Für mich belief es sich aber nur noch auf ein Bier, da Alex sich eh schon aufgeregt hat, dass ich das schöne U2 Lied so in den Dreck gezogen habe. 5 Uhr morgens mussten wir uns an die Öffnungszeiten halten und unser Karaoke Zimmer verlassen, sodass ich gegen 6 endlich im Bett lag.
忘年会 No. 2 fand am Dienstag statt. Organisiert wurde er diesmal von den Studentinnen und Studenten, die an der Kanazawa University Deutsch studieren. Am Nachmittag kam die Diskussion auf, ob wir überhaupt hingehen sollten, weil der ganze Spaß ¥3800 (ca. 30€) kosten sollte. Für nur zwei Stunden all-you-can-drink. Im Endeffekt haben wir aber nicht bereut, dass wir uns angeschlossen haben. Ein großer und bunt gemischter Haufen aus japanischen Studenten, Lehrern und drei Gaijin hat schon viele interessante Gesichter auf Lager. Unseren Freund Kengo z.B., der schon für ein Jahr in Regensburg studiert hat und ein fast makelloseres Deutsch als sein Lehrer spricht. Seine Abschlussarbeit schreibt er momentan über den Unterschied zwischen dem deutschen und dem japanischen Akkusativ und Dativ. Oder so ähnlich… Dass er schon eine Weile in Deutschland war, konnte man auch daran sehen, dass er raucht und ganz gut was trinken kann. Es dauerte nämlich nicht lange, da hatten die ersten Japaner einen knallroten Kopf oder sind eingeschlafen. Eine nennenswerte Ausnahme gab es noch. Einen Lehrer, der sagte, er habe Gicht und könne deshalb nicht so viel Bier trinken. Er trank auch nur ein Bier. Dafür aber unzählige Gläschen an Sake und er orderte einen Wein nach dem anderen.
Nun aber mal zum Essen und Ambiente. Das Restaurant war sehr gemütlich, in dunklem Holz gehalten und schön dekoriert. Obwohl wir ja nur all-you-can-drink hatten, tischten die Kellner ein Gericht nach dem anderen auf. Der Tisch war so voll, dass wir ständig umräumen mussten, damit der nächste Teller draufpasst. Es gab leckere Vorspeisen, Pasta, Quiche, Reis, die leckersten Muscheln, die ich je gegessen habe und zum Nachtisch Eis und Kuchen.
Wenn man sich mit Japanern unterhält, dann merkt man oft, wie sie Floskeln und Füllwörter in deutsche Sätze portieren. Auf Japanisch sagt man sehr oft: “はい、そうです。”, “そうですか。” oder “そうですね。” Deshalb benutzen Japaner, wenn sie Deutsch reden recht häuftig Worte wie: “Ach so!” oder “Ja, das stimmt!” Man zeigt hier beim Reden immer das Interesse dem anderen gegenüber. Man sagt nicht nur “Hm…” sondern man tut wenigstens so, als wäre man interessiert. Unter den ganzen Deutsch Studenten ist das natürlich besonders aufgefallen.
Als der offizielle Teil beendet war, haben sich auch hier wieder die Gruppen gespalten. Nach langem hin und her bin ich mit Dominic, Wolfgang, Saori, Kaori und einem Lehrer in eine Bar gegangen. Bier gab es hier in 0,66l Flaschen und leckeren Umeshu on the rocks. Zusätzlich bestellte der Lehrer noch diverse Gerichte aus verschiedensten Ländern, wovon jeder probieren konnte. Besonders lecker war ein koreanisches Gericht. Roher Fisch mit ei drüber und ein paar kräutern. Der Fisch, den man hier in Japan bekommt, ist einfach nicht vergleichbar mit dem deutschen. Ein Inselstaat versteht halt was vom Fischfang.
Nach dieser Bar Sind Dominic, Wolfgang, die zwei Mädels und ich zum Karaoke gegangen, wo wir auf mehr Japaner, Kengo und einen anderen Lehrer gestoßen sind.
Raus aus dem Karaoke sind fast alle Heim gefahren. Nur noch Wolfgang, Dominic und ich waren übrig. Unser Weg führte uns in den nächsten Convenient Store (von denen es hier an jeder Ecke einen gibt und alle 24 Stunden geöffnet sind), ein paar Bier und Whisky kaufen und vorm Mc Donalds trinken. Im Bett war ich gegen 4 Uhr morgens. Trotzdem hab ichs als einziger am nächsten Morgen an die Uni geschafft.

Buffet
Mittwoch abend fand der dritte 忘年会 statt. Diesmal von der Uni organisiert. Alles also wesentlich offizieller, dafür aber kostenlos. Ein riesen Buffet wurde aufgefahren. Leider mussten wir erstmal die 3 Reden am Anfang überleben, die komplett auf Japanisch gehalten wurden. Dementsprechend konnte ich nur einzelne Fetzen verstehen und war relativ gelangweilt. Warum das auf einer Feier für internationale Studenten so sein muss, versteh ich nicht ganz aber naja… Nach den Reden wurden wir zum Glück mit einem der besten Biere Japans besänftigt. Da das Buffet sofort gestürmt wurde, dachte ich, es wäre klug, etwas zu warten. Schließlich war die Feier in einem Nobelhotel und die werden schon nachfüllen. Fehlanzeige. Als ich ans Buffet kam, war so gut wie alles abgeräumt. Wieder etwas, was Japan so an sich hat. Kommt alle rein, wir haben das beste Essen für läppische ¥3000. Dass es aber nur 2 Stunden was zu

Taiko
Essen und trinken gibt, man für den Tisch alleine schon ¥500 zahlen muss, man für das Sonderangebot Rentner oder sonstwas sein muss und die meisten Gerichte nicht inbegriffen sind, wird einem gerne mal verschwiegen. Nun gut. Ein paar unserer Freunde haben eine Taiko Aufführung gehabt und wir haben einen vierten Deutschen getroffen. Sein Name ist Matthias und er studiert Kybernetik in Stuttgart. Nach einer recht kurzen Feier wurden wir relativ unsanft und ohne Vorwarnung mit den Worten: “帰りましょうか。” (dt. “Gehen wir heim?”) rausgeworfen. An der Garderobe wurde ich von einem Chinesen zugequatscht, der mit ununterbrochen erklärt hat, dass er Deutschland total toll findet und er der Meinung ist, dass Deutschland der mächtigste Staat in Europa ist und das Militär ganz toll ist. Er gab mir dann den super Tipp, wir Deutschen sollen uns doch bitte mit Frankreich zusammenschließen (die findet er nämlich auch ganz toll) und in der Welt mal für Ordnung sorgen. Er würde auch alles geben, um zum deutschen Militär zu gehen. Ich war echt erschrocken und frage mich, ob man in China diesen Dünnschiss in der Schule lernt…
Wie dem auch sei. Es ist 20:00 Uhr. Ans Heimgehen war da für mich noch nicht zu denken. Also kurbelten

Thailänder in der Bar
wir malwieder etwas die japanische Wirtschaft an und gingen wieder in die gleiche Bar, in der wir am Vortagmit Kaori, Saori und dem Lehrer waren. Diesmal waren es aber ein ganzer Haufen Thailänder, zwei Japanerinnen und ich. Hier wurde mir wieder die Asiatische Gastfreundlichkeit gezeigt. Ich hörte nur von den Thailändern: “Du bist Deutscher, Deutsche trinken Bier!” Und so bestellten sie mir immer eins mit, obwohl ich schon vor geraumer Zeit gesagt hatte, dass ich nicht so viel Geld mithabe und genug getrunken habe. Doch egal. “Du bist mit uns unterwegs, also bist du unser Freund und da wird geteilt!” Und schon stand das nächste Glas vor mir. Auch das Essen, was sie bestellten, wurde rumgereicht und so habe ich zum ersten mal herausgefunden, dass frittierte Hähnchenfußknorpel gar nicht so übel schmecken. Im Gegenteil: sie sind köstlich!

月見
Und wo wir gerade bei kuriosen Köstlichkeiten sind, sollte ich vielleicht noch das Running Sushi Restaurant erwähnen, in dem ich neulich war und wo ich zum ersten Mal rohe Eier gegessen hab. Serviert in Form von 月見. Das war so lecker, dass ich dem Sushimeister gesagt habe, er soll mir bitte noch eine Portion machen. (”すみません。月見一つお願いします。”) Das Sushi in einem solchen Restaurant ist sowieso nicht vergleichbar mit dem deutschen oder dem Supermarkt Sushi. Aus Deutschland ist man Maki Röllchen gewöhnt ohne große Zusätze. In Japan wird der Reisball angegrillt und der Fisch oben drauf mit einer art Glasur bestrichen, mit dem Gasbrenner flammbiert und mit Sesam, Schnittlauch, Mayonnaise oder anderen köstlichkeiten verfeinert. Der Geschmack ist einfach unvergleichlich und man ärgert sich schon fast über den vollen Magen, da man am liebsten den ganzen Abend weiteressen würde.
Die nächste ungewöhnliche Sache, die ich gegessen habe war gestern im 焼肉 Restaurant. Hier durfte man sich am tischeigenen Grill diverse Fleischsorten grillen. Eine davon war Darm. Ich dachte erst, es währe Hähnchenhaut aber Xue Ming hat mich aufgeklärt. Doch egal. Der Darm war, wenn man ihn entsprechend lange gegrillt hatte, sehr sehr lecker. Als die anderen hörten, was sie da essen, hat ihn auch keiner mehr angerührt und so blieb der Rest für mich.
Ja, das waren also die drei Feiern zum Ende des Jahres und eine kleine kulinarische Expedition. Morgen steht Tokyo vor der Tür. Also bis bald!

Drei Richards (Polen, Deutschland, Irland)
リヒャルド